Via Claudia Augusta

Auf den Spuren Roms: Europas älteste Alpenstraße neu entdecken

Von der Donau bis zur Adria – eine Reise durch 2.000 Jahre Geschichte, atemberaubende Natur und lebendige Kulturen


Einleitung: Ein Weg, der Welten verbindet

Stell dir vor, du trittst auf denselben Pfad, den römische Legionäre, Kaufleute, Kaiser und Pilger seit über zwei Jahrtausenden begangen haben. Du spürst unter deinen Rädern oder Schuhsohlen eine Route, die einst das Rückgrat eines Weltreichs war – eine Straße, die den Süden Europas mit dem Norden verband, Kulturen verknüpfte, Handel ermöglichte und Armeen bewegte. Willkommen auf der Via Claudia Augusta, einer der faszinierendsten Reiserouten, die du heute erleben kannst.

Diese alte Römerstraße führt dich auf etwa 700 Kilometern von der bayerischen Donau bei Donauwörth durch die Alpen bis hinunter in die Lagune Venetiens – oder bis zur Poebene bei Ostiglia. Dabei durchquerst du drei Länder, begegnest unzähligen Kulturen, Landschaften und Geschichten und erlebst, was Europa in seinem Innersten zusammenhält: eine gemeinsame Geschichte, die tief in den Fels der Alpen eingraviert ist.

Was die Via Claudia Augusta von anderen Radwegen oder Wanderrouten unterscheidet? Sie ist nicht einfach ein schöner Weg. Sie ist ein lebendes Geschichtsbuch, das du Seite für Seite, Kilometer für Kilometer selbst aufschlagen kannst.


Kapitel 1: Wie alles begann – Die Geburtsstunde einer Kaiserstraße

Der Alpenfeldzug und ein Mann namens Drusus

Es schreibt das Jahr 15 vor Christus. Rom expandiert, und die Alpen sind mehr als nur ein Gebirge – sie sind die Grenze zwischen dem zivilisierten Imperium und dem unbekannten, wilden Norden. Kaiser Augustus schickt zwei seiner besten Feldherren, seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius, auf einen Feldzug gegen die Räter und Vindeliker, die in den Alpenregionen siedelten.

Drusus – mit vollem Namen Nero Claudius Drusus – führt seinen Heereszug von Norden nach Süden durch das Inntal, den Vinschgau und über die Alpen. Er braucht dafür eine Verbindung, die seinen Truppen das Vorrücken ermöglicht. Was entsteht, ist zunächst keine gepflasterte Kaiserstraße, sondern eine improvisierte Marschroute – doch sie basiert auf etwas Uraltem: den Handelswegen der Etrusker und Kelten, die das Gebirge schon Jahrhunderte zuvor in Schach gehalten hatten. Drusus nutzt, was schon da ist, und macht es passierbar.

Der Feldzug war ein Erfolg. Die Räter wurden besiegt, eine neue Provinz namens Raetia entstand. Und die Route, die Drusus dafür genutzt hatte, blieb. Sie war der Keim dessen, was später zur Via Claudia Augusta werden sollte.

Kaiser Claudius macht es offiziell – und unsterblich

Jahrzehnte vergehen. Erst unter Kaiser Claudius – regierender Kaiser von 41 bis 54 nach Christus – wird aus dem Marschweg eine echte, gepflasterte Römerstraße. In den Jahren 46 und 47 n. Chr. lässt Claudius die gesamte Trasse befestigen, ausbauen und mit Meilensteinen versehen. Er benennt die Straße nach seinem Vater Drusus – und nach sich selbst: Via Claudia Augusta.

Das war keine Kleinigkeit. Es war ein politisches Statement: Der Kaiser machte seinen Vater unsterblich, verband seinen Namen mit einem Jahrhundertbauwerk und demonstrierte gleichzeitig die Macht Roms, selbst die höchsten Gebirge Europas zu bezwingen.

Der berühmte Meilenstein – Stein gewordene Geschichte

Zwei Meilensteine aus jener Epoche haben die Jahrtausende überdauert und sind die direkten Zeugen dieser Straße. Einer davon ist bis heute das älteste römische Schriftdenkmal im gesamten Alpenraum: Er wurde 1552 beim heutigen Gasthof Hanswirt in Rabland bei Meran gefunden, nachdem ein Bachhochwasser ihn freigelegt hatte.

Der Stein – aus weißem Marmor, zerbrochen in zwei Teile, etwa 80 cm hoch und 72 cm breit – trägt eine Inschrift in klassischem Latein, die in Stein gemeißelt festhält, was Claudius vollbracht hatte:

„Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus [...] hat die Via Claudia Augusta, die sein Vater Drusus nach Öffnung der Alpen durch Krieg hatte trassieren lassen, ausgebaut vom Fluss Po bis zum Fluss Donau auf einer Länge von 350 Meilen."

Dieser Stein war kein gewöhnlicher Wegweiser. Er war ein kaiserliches Ehrenmal, aufgestellt an wichtigen Punkten der Route, um jeden Reisenden daran zu erinnern, wem er diesen Weg verdankte. Das Original wird heute im Stadtmuseum von Bozen aufbewahrt. Eine Nachbildung steht seit 1977 am Eingang des Gasthofs Hanswirt – und daneben, unter Glas geschützt, ein kleines Stück des originalen Pflasters der Via Claudia Augusta.

Der zweite Meilenstein wurde in Cesiomaggiore in der Provinz Belluno gefunden – damit rahmen beide Steine die südliche Flanke der Alpenüberquerung ein.

Die einzige ihrer Art in Deutschland

Hier liegt eine Besonderheit, die viele nicht kennen: Die Via Claudia Augusta ist die einzige namentlich bekannte römische Staatsstraße, die durch das heutige Deutschland führt. Das macht sie nicht nur historisch einzigartig, sondern auch zu einem Identitätsmerkmal für die gesamte Region entlang der Strecke – von Bayern über Tirol bis ins Trentino.


Kapitel 2: Die Route – Von der Donau bis ans Meer

Der Gesamtüberblick

Die Via Claudia Augusta ist kein einfacher Strich auf der Landkarte. Sie ist eine Route mit zwei historischen Varianten, die sich südlich von Trient gabeln:

  • Die „Altinate"-Variante: führt über Feltre und das Valsugana zur Adria nach Altino, nahe Venedig – der vermutlich ursprünglichere, ältere Abschnitt.
  • Die „Padana"-Variante: führt über Verona in die Poebene nach Ostiglia bei Mantua.

Für heutige Reisende beginnt die bevorzugte Route in Donauwörth in Bayern – genauer gesagt beim einstigen Kastell Submuntorium in Burghöfen bei Mertingen, wo die antike Straße auf die Donausüdstraße traf. Von hier geht es auf gut 700 Kilometern nach Süden.

Donauwörth bis Augsburg – Der Auftakt an der Donau

Der erste Abschnitt führt dich über sanfte bayerische Hügel und das flache Lechtal. Donauwörth, dort wo die Wörnitz in die Donau mündet, ist ein charmanter Startpunkt. Die erste bedeutende Station: Augsburg – oder wie die Römer es nannten: Augusta Vindelicorum.

Augsburg ist eine der ältesten Städte Deutschlands und wurde als direkte Stützpunktstadt der Via Claudia Augusta gegründet. Das Römische Museum Augsburg widmet der Via Claudia Augusta und der Geschichte der Römerstadt eine eigene Ausstellung. Wer hier ein paar Stunden mehr verbringt, versteht die ganze strategische Bedeutung dieser Route.

Augsburg bis Füssen – Das Lech-Tal und die Voralpen

Von Augsburg folgt die Route dem Lech flussaufwärts – fast identisch mit dem heutigen Lechradweg. Die nächste große Station ist Landsberg am Lech, eine malerische Kleinstadt mit einer fast vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauer. Dann weiter nach Schongau und schließlich nach Füssen – dem Tor zu den Alpen.

In Füssen beginnt ein besonderes Intermezzo: Die historische Altstadt mit dem Hohen Schloss und dem Benediktinerkloster St. Mang liegt unmittelbar neben den berühmten Königsschlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau. Eine Übernachtung hier lohnt sich nicht nur wegen der Geschichte – der Blick auf die Kulisse der ersten Alpengipfel bei Sonnenuntergang ist unvergesslich.

Zwischen Füssen und dem Forggensee wartet eine besondere Begegnung: Die alte Trassenführung der Via Claudia Augusta liegt teilweise unter dem Forggensee, der 1954 als Stausee aufgestaut wurde. Jedes Jahr beim winterlichen Abstau wird der Seegrund trockengelegt – und dann, für kurze Zeit, erscheint der originale Verlauf der Römerstraße wieder sichtbar auf dem Grund des leeren Sees. Eine gespenstisch schöne Zeitkapsel.

Füssen bis Reutte – Die erste alpine Begegnung

Hinter Füssen überquerst du die österreichische Grenze nach Tirol. Das erste größere Ziel ist Reutte im Außerfern – eine Kleinstadt, die perfekt als Basislager für die kommenden Alpenetappen dient. Die Landschaft wird wilder, die Bergpanoramen gewaltiger. Am Wegesrand entdeckst du erste Informationstafeln und Zeugnisse der Römerzeit, dreisprachig erklärt.

Fernpass – Der erste Alpenübergang

Der Fernpass auf etwa 1.210 Metern Höhe ist die erste echte Passüberquerung. Die Römer bauten hier keinen Tunnel, keine Serpentinenstraße mit modernsten Ingenieurskunststücken – sie nutzten den natürlichen Geländeverlauf und machten ihn befahrbar. Heute ist der Fernpass gut mit dem Fahrrad zu bewältigen; wer sich die Steigung sparen möchte, kann einen der verfügbaren Shuttlebusse nutzen, die Räder und Radler komfortabel auf den Pass bringen.

Hinter dem Fernpass öffnet sich das Inntal – und damit einer der schönsten Abschnitte der gesamten Route.

Imst, Landeck und das Inntal – Römer und Tiroler Bergwelt

Das Inntal ist tief eingeschnitten, der Inn rauscht grünblau durch das Tal, und die Bergkulisse ist atemberaubend. Über Imst und Landeck führt die Route weiter flussaufwärts. In Landeck gabelt sich das Inntal – ein Teil führt nach Westen ins Engadin, die Via Claudia Augusta zieht nach Süden weiter Richtung Reschenpass.

Die Etappen durch das Inntal sind gespickt mit Geschichte: Überall tauchen Hinweise auf die Römerzeit auf. Bei Serfaus gibt es eine mittelalterliche Steinbogenbrücke, die zwar aus dem Mittelalter stammt, in ihrer Bauweise aber den typischen Prinzipien der römischen Brückentechnik folgt. In der Nähe von Pfunds befindet sich die imposante Festungsanlage Altfinstermünz – ein mittelalterliches Bollwerk direkt am Inn, das die Römerroute jahrhundertelang überwachte.

Kurzer Abstecher in die Schweiz – Martina und das Unterengadin

Für eine kurze Strecke führt die heutige Route durch die Schweiz, genauer durch Martina im Kanton Graubünden, bevor sie wieder nach Österreich zurückkehrt. Ein Dreiländereck, das du quasi im Vorbeipedalieren passierst – und das doch einen kurzen Moment des Staunens verdient.

Nauders und der Reschenpass – Der Höhepunkt der Alpen

Nauders am Reschenpass ist ein magischer Ort. Hier, auf über 1.300 Metern, wurde ebenfalls ein historischer Wegstein der Via Claudia Augusta gefunden. Das Dorf liegt auf einer Hochfläche, und die Luft hat eine Klarheit, die du in keiner Tiefebene findest.

Der Reschenpass auf knapp 1.500 Metern ist der höchste Punkt der gesamten Route und gleichzeitig die Grenze zwischen Österreich und Italien. Für die Römer war dieser Pass kein Hindernis – sie bauten die Straße so, dass auch Fuhrwerke und Karren ihn bewältigen konnten. Heute ist er der sanfteste Alpenübergang unter all den bekannten Pässen – was die Via Claudia Augusta zur leichtesten aller Alpenüberquerungen macht.

Der Reschensee – Ein versunkener Kirchturm und sein Geheimnis

Kaum hast du den Pass überquert, erwartet dich eines der ikonischsten Bilder ganz Südtirols: Der Kirchturm von Alt-Graun, der einsam und gespenstisch aus den Wassern des Reschensees ragt. Als 1950 der Stausee angelegt wurde, musste das alte Dorf Graun mitsamt seiner Kirche dem Wasser weichen. Nur der mittelalterliche Glockenturm ragt noch heraus – wie ein Mahnmal gegen das Vergessen.

Im Winter, wenn der See teilweise zufriert, kann man auf dem Eis stehen und hinaufschauen. Ein Anblick, der sich in dein Gedächtnis einbrennt.


Kapitel 3: Südtirol – Die Seele der Route

Vinschgau – Das Tal der Extreme und der Fülle

Nach dem Reschenpass öffnet sich vor dir das Vinschgau – eines der trockensten Täler der Alpen, ein Ort, der scheinbar aus zwei verschiedenen Welten besteht: Oben die kargen, sonnenverbrannten Hochhänge; unten die erstaunlich fruchtbaren Talsohlen voller Obstplantagen. Im Frühling, wenn die Apfel- und Birnbäume in weißem und rosa Blütenmeer stehen, ist der Vinschgau ein Anblick wie aus einem Märchen.

Die ersten Stationen nach dem See sind Burgeis und Mals – ein kleines Dorf mit dem ungewöhnlichen Merkmal, von sage und schreibe sieben romanischen Kirchen umgeben zu sein. Ein Konzentrat mittelalterlicher Sakralbaukunst auf engstem Raum.

Dann kommt Glurns – das kleinste Städtchen Südtirols und gleichzeitig eines der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtbilder der gesamten Alpenregion. Die vollständig erhaltene Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert umgibt das Zentrum wie ein steinerner Ring. Schon die Römer erhoben Glurns durch ein kaiserliches Edikt zur Stadt; später verlief hier die wichtige Salzstraße, die Salzburg mit dem Engadin verband.

Weiter flussabwärts: Laas, das Marmordorf. Der helle Laaser Marmor, aus dem auch die Michelangelo-Statue des David gefertigt ist, wird hier seit der Antike abgebaut. Wer genau hinschaut, sieht, wie die Römer diesen wertvollen Stein in ihre Bauprojekte entlang der Via Claudia Augusta einbauten.

Die Churburg – Rüstkammer Europas

Ein Ausflug, der sich definitiv lohnt: Die Churburg bei Schluderns ist eine der beeindruckendsten Burganlagen Tirols – und beherbergt die größte und am besten erhaltene private Rüstungssammlung Europas. Mehr als 100 Originalharnische aus dem 14. bis 17. Jahrhundert lagern hier, größtenteils aus dem Besitz des Adelsgeschlechts Trapp, das die Burg bis heute besitzt. Ein Ort, der Geschichte nicht nur erklärt, sondern körperlich spürbar macht.

Meran – Die Perle am Wege

Kaum eine Stadt entlang der Route ist sinnlicher als Meran. Die traditionsreiche Kurstadt, eingebettet in ein mildes Klima zwischen Bergen, empfängt dich mit Palmenpromenaden, historischen Wandelgängen und einer mondänen Architektur, die an ihre Belle-Époque-Vergangenheit erinnert. Kaiser Franz Joseph liebte Meran. Sissi kurierte hier ihre Seele.

Die Römer nannten die Station hier Maia – ein Straßenposten der Via Claudia Augusta. In Algund, gleich nebenan, wurden die Widerlager einer römischen Brücke aus dem 1. Jahrhundert ausgegraben. Geschichte liegt in Meran buchstäblich unter den Füßen.

Heute locken neben dem historischen Flair auch die Kuranlagen, die Therme Meran und die zahlreichen Weingüter der Umgebung. Der Meraner Wein – vor allem die Rebsorten Vernatsch und Lagrein – ist so einzigartig wie die Landschaft, aus der er stammt.

Bozen – Schmelztiegel zweier Kulturen

Bozen (Bolzano) ist die Hauptstadt Südtirols und einer der faszinierendsten Städte entlang der Route. Hier prallen auf engstem Raum alpine Tiroler Kultur und mediterrane italienische Lebensart aufeinander. In den Laubengassen der Altstadt kaufen und flanieren die Menschen wie seit Jahrhunderten; südlich davon beginnt das moderne, pulsierende Stadtleben.

Im Stadtmuseum Bozen findest du das Original des berühmten Claudius-Meilensteins – das älteste Schriftdenkmal aus den Alpen, das direkt auf den Bau der Via Claudia Augusta verweist. Kein Besuch in Bozen sollte ohne diesen Abstecher auskommen.

Und dann ist da noch Ötzi: Der berühmte Mann aus dem Eis, der vor 5.300 Jahren in den Ötztaler Alpen in der Nähe der heutigen Route umkam, ist ebenfalls im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zu sehen. Ein Zeuge einer noch viel älteren Geschichte dieser Region.

Die Südtiroler Weinstraße – Genuss mit Aussicht

Südlich von Bozen führt dich die Via Claudia Augusta an der berühmten Südtiroler Weinstraße entlang – vorbei an terrassierten Weinbergen, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft. Der Kalterer See, Italiens wärmstes Badesee-Badeland, lädt zu einem Stopp ein. Wer Wein liebt, findet hier eine Fülle von regionalen Erzeugnissen: Lagrein, Vernatsch, Gewürztraminer, Pinot Grigio – Südtirols Weinkarte ist legendär.


Kapitel 4: Trient und der Süden – Wo Europa sich trifft

Trient – Konzilsstadt und Kulturzentrum

Trient (Trento) war in der Römerzeit als Tridentum eine wichtige Station – sowohl für die Militärroute als auch für den Handel. Heute ist die Stadt vor allem bekannt durch das Konzil von Trient (1545–1563), das die Gegenreformation einleitete und die Welt des Christentums nachhaltig veränderte. Der Dom, die Piazza del Duomo und das Castello del Buonconsiglio sind Zeugen dieser Bedeutsamkeit.

In Trient teilt sich die Route dann in ihre zwei historischen Varianten: Nach Nordosten durch die Valsugana nach Venedig (Altinate) oder nach Westen Richtung Verona und Ostiglia in die Poebene (Padana).

Feltre und die Dolomiten – Der versteckte Schatz

Wer der Altinate-Variante folgt, entdeckt eine der am wenigsten touristisch erschlossenen Regionen der Route: das Valsugana und das Gebiet rund um Feltre am südlichen Rand der Dolomiten. Das Renaissance-Zentrum von Feltre mit seinen bemalten Fassaden und dem mittelalterlichen Flair ist eine stille Entdeckung, die in keinem Reiseführer fehlen sollte.

Venedig – Das ultimative Finale

Wer die Altinate-Route nimmt, endet seinen Weg in Quarto d'Altino bei Venedig – dem antiken Altinum, von wo aus die Römer die Via Claudia Augusta ursprünglich nach Norden planten. Von hier ist Venedig nur einen Katzensprung entfernt.

Die Ankunft in Venedig nach 700 Kilometern Reise ist ein Moment, der sich schwer in Worte fassen lässt. Vom Donauufer in Bayern bis in die Lagunenstadt der Serenissima – ein ganzer Kontinent liegt hinter dir. Der Canale Grande, der Markusplatz, das Wasser, das überall schimmert – all das wirkt nach einer solchen Reise wie die logische, märchenhafte Schlussakkord.


Kapitel 5: Die Route heute – Radfahren, Wandern, Entdecken

Die leichteste Alpenüberquerung Europas

Eine der wichtigsten Botschaften vorab: Du musst kein Profi-Sportler sein, um die Via Claudia Augusta zu erleben. Sie gilt als die leichteste aller Alpenüberquerungen auf dem Fahrrad. Der Großteil der Strecke ist flach oder moderat ansteigend. Nur die Abschnitte zwischen Füssen und dem Reschenpass verlangen etwas Kondition.

Und selbst dort gibt es eine Lösung: Shuttlebusse bringen dich und dein Rad über den Fernpass und den Reschenpass, wenn du die Steigungen lieber umgehen möchtest. Die Tickets müssen mindestens einen Tag im Voraus gebucht werden, da die Kapazitäten begrenzt sind – aber das Angebot macht die Route auch für weniger trainierte Radler zum echten Erlebnis.

Die Strecke auf dem Fahrrad – Das klassische Erlebnis

  • Gesamtlänge: ca. 700 km (Donauwörth bis Venedig/Ostiglia)
  • Etappen: je nach Planung 8 bis 14 Etappen
  • Höchster Punkt: Reschenpass, ca. 1.500 m ü. M.
  • Empfohlene Reisezeit: April bis November
  • Tipp für Richtung: Die Route wird von Norden nach Süden empfohlen – der leichte Gefälle-Gradient bergab durch Südtirol und das Etschtal macht das Erlebnis besonders genussvoll
  • Fahrrad-Typ: Trekkingrad, Cityrad oder E-Bike; Rennräder sind wegen einiger Schotterabschnitte nicht geeignet

Die Beschilderung ist entlang der gesamten Strecke gut ausgebaut. In Bayern findest du klare Wegweiser mit dem Via-Claudia-Augusta-Logo und Entfernungsangaben. In Tirol und Südtirol sind es dreisprachige Tafeln (Deutsch, Italienisch, Englisch), die Hintergrundinformationen über die Römerzeit liefern.

Wandern auf der Via Claudia Augusta – Das langsame Erlebnis

Wer noch tiefer in die Geschichte eintauchen will, wandert. Die Wandervariante der Via Claudia Augusta umfasst etwa 600 Kilometer von Landsberg am Lech bis zum Schloss Castelbrando in den Prosecco-Hügeln Venetiens – aufgeteilt in rund 30 Tagesetappen von jeweils 4 bis 6 Stunden.

Wanderer, die diese Route gegangen sind, stammen aus aller Welt und sind zwischen 5 und 93 Jahre alt – ein Beweis dafür, dass dieser Weg keine besondere körperliche Elite voraussetzt, sondern vor allem Neugier und Offenheit.

Auto und Camper – Kulturroute für alle

Für alle, die die Strecke nicht mit eigener Muskelkraft erkunden wollen, gibt es die Via Claudia Augusta auch als Auto- und Campingrou­te. Über 200 Gastgeber entlang der Strecke haben sich auf Reisende eingestellt – manche bieten sogar Gerichte auf der Speisekarte an, die daran erinnern, was man vor 2.000 Jahren entlang dieser Route gegessen haben könnte.


Kapitel 6: Highlights, die du nicht verpassen solltest

Bayern

  • Augsburg/Augusta Vindelicorum: Römermuseum, Dom, Fuggerhäuser – eine der ältesten Städte Deutschlands
  • Landsberg am Lech: mittelalterliche Stadtmauer und Stadttor
  • Forggensee bei Füssen: Bei winterlichem Abstau: Die versunkene Via Claudia Augusta auf dem Seegrund
  • Füssen: Hohe Schloss, Benediktinerkloster St. Mang, Schloss Neuschwanstein (Abstecher lohnt sich!)
  • Auerbergland: Gut sichtbare Überreste der antiken Straße, als Bodendenkmal geschützt

Tirol

  • Ehrwald: Blick auf die Zugspitze – und optional Besteigung
  • Festung Altfinstermünz bei Pfunds: Mittelalterliche Festungsruine direkt an der alten Römerroute
  • Steinbogenbrücke bei Serfaus: Römerzeit in mittelalterlichem Gewand

Südtirol

  • Kirchturm von Alt-Graun im Reschensee: Das Wahrzeichen Südtirols
  • Glurns: Kleinste Stadt Südtirols mit vollständig erhaltener Stadtmauer
  • Churburg: Europas bedeutendste Rüstungssammlung
  • Meilenstein in Rabland: Das älteste Schriftdenkmal aus den Alpen (Nachbildung vor Ort, Original in Bozen)
  • Meran: Promenadenwege, Therme, Weinkultur
  • Bozen: Ötzi, Claudius-Meilenstein, Südtiroler Kulinarik
  • Kalterer See: Italiens wärmstes Badesee-Erlebnis

Trentino

  • Trient/Trento: Konzilsstadt, Dom, Castello del Buonconsiglio
  • Rovereto: Friedensmuseum, moderne Kunstszene

Venetien

  • Feltre: Verborgenes Renaissance-Kleinod an den Dolomiten
  • Venedig: Das ultimative Ziel – Lagune, Markusplatz, Canale Grande

Kapitel 7: Kulinarik – Genuss auf 2.000 Jahren Geschichte

Die Via Claudia Augusta ist nicht nur eine Route für Auge und Geist – sie ist auch eine Reise durch die Küchen Europas. Von der bayerischen Brotzeit über Tiroler Knödel und Südtiroler Speck bis hin zu venetischem Prosecco und norditalienischer Pastakunst – jede Region hat ihre eigene unverwechselbare Küche mitgebracht.

Bayerische Anfänge

Im deutschen Teil der Route erwartet dich alpenländische Hausmannskost: frisch gebackenes Brot, regionale Käsespezialitäten, Allgäuer Kässpätzle und die Bierkultur, die im Voralpenland Heimatrecht genießt. Die Wirtshäuser entlang des Lechs sind ideal für erste Einkehren nach knackigen Tagesetappen.

Tiroler Herzlichkeit

In Tirol dominiert die deftige Bergküche: Tiroler Gröstl, Kasnocken, Schlutzkrapfen und Bauernbrot mit Speck und Käse. Die Wirtshäuser im Inntal und im Außerfern sind oft familiengeführt und besitzen eine Herzlichkeit, die dich sofort willkommen heißen lässt.

Südtiroler Genusskultur

Kaum eine Region in Europa vereint so konsequent kulinarische Tradition mit Qualitätsanspruch wie Südtirol. Hier findest du den besten Südtiroler Speck, einen der aromastärksten Käse der Alpen, erstklassige Weine aus dem Etschtal und eine Küche, die zwischen österreichischen und mediterranen Einflüssen oszilliert.

Besonders: Der Spargel aus dem Dreieck Terlan-Vilpian-Siebeneich nördlich von Bozen – angebaut auf ehemaligem Etsch-Flussbett mit sandigem, humusreichem Boden. Im Frühjahr ist frischer Spargel hier Kultstatus. Die berühmte Bozner Soße aus hartgekochten Eiern, Schnittlauch und Essig begleitet ihn traditionell.

Die Südtiroler Weinstraße – die du auf deiner Route passierst – ist eine der ältesten Weinstraßen Italiens. Lagrein, Vernatsch, Gewürztraminer: Namen, hinter denen sich große Charakterweine verbergen.

Trentino und Venetien – Mediterrane Übergänge

Je weiter du nach Süden kommst, desto mediteraner wird die Küche. Im Trentino erwartet dich eine Fusion aus alpiner und norditalienischer Küche – Polenta, eingelegte Gemüse, Trüffel, Risotto. In Venetien schließlich: der berühmte Prosecco aus den Hügeln von Valdobbiadene, frischer Fisch aus der Lagune und die klassische venetische Küche mit Baccalà (Stockfisch) und Cicchetti (kleine Häppchen wie in Venedigs Bars).


Kapitel 8: Planung – Deine Reise auf der Via Claudia Augusta

Die beste Reisezeit

Die beste Zeit für die Via Claudia Augusta liegt zwischen April und November. Dabei gilt:

  • Frühling (April/Mai): Obstbaumblüte im Vinschgau, grüne Landschaften, noch wenig Touristen. Achtung: Schnee auf dem Reschenpass möglich.
  • Sommer (Juni): Ideal für Bayern und Tirol. Den Vinschgau und das Etschtal lieber meiden – Hitze kann im Juli/August extrem werden.
  • Herbst (September/Oktober): Goldene Stunden. Weinlese in Südtirol, Obstbaumsaison, milde Temperaturen, wenige Mitreisende. Die beste Zeit für Genussradler.

Anreise und Heimreise

Startpunkt Donauwörth: gut erreichbar über A7/A8/A9, oder per Bahn (täglich rund 300 Zugverbindungen nach München, Nürnberg, Stuttgart, Ulm).

Rückreise: Mit dem Eurocity oder Regionalzügen von Venedig, Bozen, Trient oder Verona zurück nach München oder Augsburg. Die Organisation Via Claudia Augusta Transnational EWIV betreibt zudem einen Shuttle-Bus von Italien zurück nach Deutschland – mit Einstiegsstellen entlang der gesamten Strecke.

Unterkünfte und Logistik

Entlang der gesamten Route gibt es eine dichte Auswahl an Unterkünften: von einfachen Gasthöfen und Bauernhöfen bis zu komfortablen Wellnesshotels. In Bayern sind Augsburg, Füssen und Landsberg die besten Basislager. In Tirol bieten Reutte, Imst und Landeck gute Übernachtungsoptionen. In Südtirol – Meran und Bozen für Luxus und Genuss.

Viele Anbieter offerieren Gepäcktransfer von Hotel zu Hotel, sodass du nur mit einem kleinen Tagesrucksack unterwegs bist.

Gepäck und Ausrüstung

  • Fahrrad: Trekking- oder Reiserad (kein Rennrad – es gibt Schotterabschnitte)
  • E-Bike: Sehr gut geeignet für alle, die die Pässe nicht selbst treten möchten
  • Navigation: Karten und GPS-Apps sind verfügbar; die Beschilderung ist gut, aber GPS gibt zusätzliche Sicherheit
  • Kleidung: Mehrschichtprinzip – der Vinschgau kann trocken-heiß, der Fernpass kühl und windig sein

Kapitel 9: Was die Via Claudia Augusta so einzigartig macht

Eine lebende Kulturachse

Die Via Claudia Augusta ist nicht eingefroren in der Vergangenheit. Sie ist lebendig. Entlang der Strecke gibt es Festivals, Ausstellungen, Märkte, kulinarische Events und traditionelle Feste das ganze Jahr hindurch. Regionen, Städte und Gemeinden haben die Römerstraße zu ihrem gemeinsamen Identitätsmerkmal gemacht – über alle Ländergrenzen hinweg.

Drei Länder, unzählige Kulturen

Auf dieser einen Route durchquerst du nicht nur Bayern, Tirol und Südtirol, das Trentino und Venetien – du durchquerst auch Sprachräume, Küchen, Architekturen und Lebensgefühle. Deutsch und Italienisch, Ladinisch und Österreichisch, Tiroler Bergsturheit und venetische Leichtigkeit – all das auf einer einzigen Linie.

Von der Antike bis heute ununterbrochen genutzt

Nach dem Untergang des Römischen Reiches wurde die Via Claudia Augusta nicht verlassen. Sie blieb als Handelsweg, Pilgerweg, Heerweg und Reiseroute in Gebrauch – durch Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Sie ist damit ein seltenes Beispiel für eine Route, die 2.000 Jahre lang ununterbrochen genutzt wurde.

Für jeden zugänglich

Von der fünfjährigen Tochter bis zur 93-jährigen Großmutter, von Profi-Radlern bis zu gemütlichen Freizeitpedalierern, von Geschichtsbegeisterten bis zu Kulinarik-Liebhabern – die Via Claudia Augusta hat für jeden etwas. Sie ist keine Eliteroute, sondern eine Volksroute im besten Sinne: weit, einladend, reich.


Fazit: Mach dich auf den Weg – die Via Claudia Augusta wartet

Jede Reise auf der Via Claudia Augusta ist eine andere. Mancher erlebt sie als sportliche Herausforderung, ein anderer als meditative Zeitreise, wieder ein anderer als kulinarischen Genussmarathon. Aber eines verbindet alle, die diese Strecke zurückgelegt haben: das Gefühl, nach der Reise die Welt – und sich selbst – ein bisschen besser zu kennen.

Denn wenn du die Berge hinter dir gelassen hast, den Meilenstein des Kaisers Claudius mit eigenen Augen gesehen hast, mit dem Fahrrad durch weinrote Weinberge gerollt bist und am Ende deinen Blick über die Lagune von Venedig schweifen lässt, dann weißt du: Manche Wege sind zeitlos. Dieser hier ist es seit 2.000 Jahren.

Also pack die Satteltasche, sieh auf die Karte – und folg der Straße, die ein Kaiser baute.