Das LandArt-Projekt im Tal der Sinne Bad Faulenbach
Wo Kunst auf Wildnis trifft
Ein verborgenes Kunstparadies im Herzen des Allgäus — und warum du es unbedingt selbst erleben musst
Hinter der Felsenge: Ein Tal, das wartet
Es gibt Orte, die sich einem nicht einfach so erschließen. Die sich ein bisschen sperren, ein bisschen verstecken — als wollten sie sichergehen, dass du es wirklich ernst meinst. Das Faulenbacher Tal bei Füssen ist so ein Ort.
Wer von der hektischen Königsschlösser-Welt des Allgäus kommend die enge Durchfahrt durch den Felsen nimmt und plötzlich in Bad Faulenbach steht, spürt sofort: Hier beginnt etwas anderes. Die Kulisse wechselt. Die Luft kühlt ab. Die Schlucht öffnet sich zu einem langgezogenen Tal, das von spektakulären Felswänden gesäumt wird, von Hangwäldern, kleinen Seen, blumenreichen Wiesen und dem gleichmäßigen Rauschen des Faulenbachs. Und mittendrin — fast wie beiläufig, fast wie zufällig — steht Kunst. Echte, durchdachte, berührende Kunst. In der Natur, für die Natur, durch die Natur.
Das LandArt-Projekt im Tal der Sinne ist kein Museum. Es hat keine Eintrittskarte, keine Audioguides, keine Museumswärter. Es ist einfach da. Wer es findet, versteht sofort, warum es etwas ganz Besonderes ist.
Was ist LandArt überhaupt — und warum ist das hier anders?
LandArt als Begriff entstand Ende der 1960er Jahre in Amerika. Künstlerinnen und Künstler zogen hinaus in die Wildnis, arbeiteten mit dem, was die Landschaft ihnen gab: Stein, Erde, Wasser, Licht. Sie verweigerten das Atelier, den weißen Kubus, den geschützten Ausstellungsraum. Die Natur wurde zur Galerie — roh, unkontrollierbar, vergänglich.
Im Faulenbacher Tal wurde dieser Gedanke konsequent weitergedacht. Denn hier ging es nicht darum, fertige Werke in eine Landschaft zu stellen. Hier wurde die Landschaft selbst zum Ausgangspunkt, zur Lehrerin, zum Dialog-Partner. Das macht das Projekt einzigartig — und das macht den Unterschied, den du spürst, wenn du durch das Tal gehst.
Die Geburt eines Projekts: Wie Kunst in ein Tal einzog
Im Sommer 2006 passierte etwas Ungewöhnliches im Faulenbacher Tal. Über einen Monat lang — vom 28. Mai bis zum 28. Juni — wurden die Wiesen, Bachbetten, Waldränder und Feldwege zu Arbeitsplätzen. Zu Ateliers ohne Wände.
Achtzehn Studierende der Bildhauerei von der Alanus Hochschule bei Bonn, einer anthroposophisch geprägten Kunsthochschule für Kunst und Gesellschaft, kamen gemeinsam mit ihrem Dozenten Jochen Breme ins Tal. Das Projekt trug den klingenden Titel „Zu Händen von Füssen" — ein Wortspiel, das Programm ist: Etwas in die Hände nehmen, mit den eigenen Händen erschaffen, und es den Füssen übergeben, jenem Ort, dem es gilt.
Was die Studierenden vorfanden, war kein leerer Untergrund, den man beliebig bespielen konnte. Das Faulenbacher Tal hat eine Geschichte, eine Geologie, eine Atmosphäre — und all das sollte sich in den Werken wiederfinden. Nicht als Dekoration, sondern als Substanz.
Das Projekt wurde gefördert von der Europäischen Union (im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative LEADER+) sowie vom Freistaat Bayern — ein Zeichen dafür, dass hier nicht nur Kunst, sondern auch Regionalentwicklung und Kulturförderung Hand in Hand gingen. Getragen wurde es zudem vom Kulturamt der Stadt Füssen, was zeigt: Die Stadt hat dieses Tal nicht einfach sich selbst überlassen. Sie hat aktiv darin investiert.
Kunst, die aus dem Gespräch entsteht
Das vielleicht Bemerkenswerteste an diesem Projekt war nicht das Ergebnis — es war der Prozess.
Die Entstehung der Werke fand nicht in der Abgeschiedenheit eines Ateliers statt, nicht hinter verschlossenen Türen. Die Studierenden arbeiteten direkt vor Ort, mitten im Tal, während Spaziergänger vorbeizogen, Familien ihre Kinder spielen ließen, Einheimische ihre Runden drehten. Wer vorbeikam, konnte zuschauen, fragen, kommentieren. Und genau das war gewollt.
Der Arbeitsprozess wurde durch das Gespräch mit den Betrachterinnen und Betrachtern geprägt. Kunst nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern als offener Dialog. Das gibt den Werken eine besondere Qualität: Sie tragen etwas von denen in sich, die sie entstehen sahen, die mitgedacht haben, die vielleicht gefragt haben — „Was soll das werden?" — und durch deren Frage das Werk ein Stück weit anders wurde, als es ohne sie geworden wäre.
Was dich erwartet: 22 Werke, unzählige Entdeckungen
Am Ende des Schaffensmonats waren im Tal der Sinne 22 Werke entstanden — von den Studierenden und von Jochen Breme selbst. Sie verteilen sich über das gesamte Tal, vom Ortseingang Bad Faulenbachs bis zum Westufer des Obersees. Kein übersichtlicher Skulpturenpark, kein ausgeschilderter Rundkurs, der dir vorschreibt, was du wann zu sehen hast. Stattdessen: Entdeckung.
Die Materialien sind so vielfältig wie die Landschaft selbst. Allgäuer Findlinge aus den Grundmoränen — gespendet und gesponsert von regionalen Firmen und Ämtern — bilden archaische Steinformen im Bachbett. Temporäre Installationen aus Elektrodraht, Kunststoffschnüren und anderen Fremdstoffen kontrastieren bewusst mit der organischen Umgebung. Holz trifft auf Stein, Vergängliches auf Dauerhaftes, das Stille Betrachten auf das aktive Erleben.
Als Inspirationsquelle für die Werke dienten den Bildhauenden gleich mehrere Ebenen: die Geologie des Tals mit seinen Felsformationen und Moränenlandschaften, die Kulturgeschichte der Region, die Eigenheiten der Flora und Fauna, aber auch die ganz konkreten Stimmungen der einzelnen Orte — jener besondere Lichteinfall an einer bestimmten Lichtung, das Echo an einer Felswand, das Schweigen eines stillen Seeufers.
Einige der Werke laden zum Hineingehen ein — „Aus der Erde quillt etwas hervor. Ich gehe da hinein und fühle mich der Erde nahe. Einmal betrachte ich von außen, das andere Mal erlebe ich von innen" — so beschreibt eine der Installationen ihre eigene Wirkung. Andere spielen mit Spiegelung, mit Identität, mit der Frage: Was sehe ich eigentlich, wenn ich in eine Landschaft schaue? Mich selbst?
Der Pfad der Sinne: Wo Körper und Kunst zusammenkommen
Das LandArt-Projekt ist eingebettet in ein größeres Konzept, das dem Tal seinen Namen gegeben hat: den Pfad der Sinne. Und dieser Pfad ist mehr als eine nette Wanderroute — er ist ein durchdachtes Erlebniskonzept, das alle fünf Sinne bewusst ansprechen will.
Der Weg beginnt beim großen Findling am Fischhausweg — einem massiven Gesteinsbrocken, der wie ein stiller Hüter am Eingang zum Tal steht — und führt von dort über die Fischhauswiese und die Kneippwiese weiter zu Mittersee und Obersee.
Riechen
Das Tal duftet. Wer genau hinhört, riecht das Schwefelwasser der Calcium-Sulfat-Quelle, welches am Bach unterhalb des Kneippgartens zutage tritt. Daneben: der herbe Duft der Alpenflora, Harz aus den Hangwäldern, das feuchte Moosaroma nach Regen.
Fühlen
Der Barfußpfad ist vielleicht die direkteste Einladung, die das Tal ausspricht. Schuhe aus, Füße auf den Boden — Erde, Sand, Kies, Gras, Holz. Der Körper nimmt wahr, was sonst immer isoliert bleibt. Und wer über den Balancierpfad balanciert, erfährt Konzentration ganz körperlich: Die Landschaft tritt in den Hintergrund, der Augenblick in den Vordergrund.
Hören
Das Tal klingt. Das Rauschen des Faulenbachs begleitet den gesamten Weg. Das Rascheln in den Hangwäldern. Der Wind in den Wiesen. Und manchmal, wenn du anhältst und wirklich hörst, die tiefe Stille darunter.
Sehen
Hier kommen die noch verbliebenen LandArt-Objekte ins Spiel. Sie sind keine Ablenkung von der Landschaft — sie sind Verstärker. Sie lenken den Blick, verändern die Perspektive, fordern heraus: Siehst du die Sonnenuhr auf der Fischhauswiese? Das Objekt am Ortseingang? Die Steinskulpturen im Bachbett? Und hinter allem: die Seenlandschaft, die Felswände, der Forggensee in der Ferne, sichtbar vom Aussichtspunkt der Sprungschanzenplattform.
Zwei Routen, ein Tal — du entscheidest
Ab dem Obersee teilt sich der Weg. Du kannst wählen.
Die Kleine Seenrunde (ca. 45 Minuten) führt dich gegen den Uhrzeigersinn um den Obersee, dann südlich am Mittersee entlang zur Sprungschanze. Von dort oben — auf der Schanzenplattform — öffnet sich ein Panorama, das atemlos macht: über die Fischhauswiese, über Bad Faulenbach, bis hin zum Forggensee. Die kleine Runde ist ideal für Familien mit Kindern, für Menschen, die einen entspannten Nachmittag suchen, für alle, die die Intensität des Tals zuerst in einem ruhigen Tempo auf sich wirken lassen möchten.
Die Große Seenrunde (ca. 2,5 Stunden) führt am Obersee vorbei talaufwärts weiter zum Alatsee — einem der schönsten und geheimnisvollsten Seen im Allgäu. Dunkel, klar, von Wald umschlossen, liegt er am Ende des Tals wie ein Geheimnis, das sich langsam enthüllt. Der Rückweg führt entweder auf der Alatseestraße oder auf einem parallel verlaufenden Waldweg — je nachdem, wie viel Ruhe du noch brauchst.
Das Tal als Gesamtkunstwerk: Natur, Geschichte, Kur
Was das Faulenbacher Tal so außergewöhnlich macht, ist nicht nur das LandArt-Projekt. Es ist die Tatsache, dass hier alles zusammenkommt — Jahrmillionen Erdgeschichte, Jahrhunderte Kulturgeschichte und ein gegenwärtiger Moment der künstlerischen Begegnung.
Das Tal liegt im Landschaftsschutzgebiet zwischen Lech und Alatsee. Es ist eine Landschaft, die sich treu geblieben ist — mit artenreichen Blumenwiesen voller Alpenflora, mit beeindruckenden Hangwäldern, mit faszinierenden Felsformationen, mit kleinen Seen, in denen sich der Himmel spiegelt. Der Lechfall am Talausgang ist ein weiteres Naturschauspiel, das den Besuch bereichert.
Gleichzeitig ist Bad Faulenbach ein traditionsreicher Kneipp- und Kurort. Die Kneippanlagen — Arm- und Tretbecken — sind Teil des Pfades und erinnern daran, dass dieses Tal seit Generationen als Ort der Erholung und Regeneration gilt. Sebastian Kneipp hätte seine Freude gehabt.
In Kooperation entstanden: Die Interessengemeinschaft Faulenbacher Tal, das Walderlebniszentrum Ziegelwies (Bergwaldpfad), der Landschaftspflegeverband Ostallgäu und die Stadt Füssen haben gemeinsam daran gearbeitet, dieses natürliche Kleinod nicht nur zu bewahren, sondern bewusst erlebbar zu machen. Das Ergebnis ist ein Ort, der sich nicht aufdrängt — aber der bleibt.
Für wen ist das Tal der Sinne?
Die kurze Antwort: für alle.
Die etwas längere: Das Tal der Sinne ist ein Ort, der erstaunlich vielen Menschen etwas zu sagen hat.
Familien mit Kindern finden hier einen Erlebnisweg, der ohne große Erklärungen funktioniert. Kinder brauchen keine Kunsttheorie, um neugierig auf eine Steinskulptur zuzulaufen, barfuß durch Pfützen zu waten oder auf einem Balancierbalken zu stehen. Die Natur spricht sie direkt an — und die Kunst ist einfach da.
Wanderinnen und Wanderer erleben auf beiden Routen ein Terrain, das zwar kein extremes Konditionsvermögen erfordert, aber eine Weite und Schönheit bietet, die viel größere Touren in die Tasche steckt. Die geringen Steigungen machen den Weg auch für Einsteiger und Menschen in der Rehabilitation geeignet.
Kunstinteressierte finden hier einen seltenen Ort, an dem Kunst nicht erklärt werden muss — sondern erlebt werden kann. Keine Texttafeln, die sagen, was du zu denken hast. Kein kuratiertes Erlebnis. Nur du, das Werk und die Landschaft.
Menschen, die zur Ruhe kommen wollen, werden vielleicht am meisten von allem bekommen. Das Tal schenkt Stille, Langsamkeit, das Gefühl, angekommen zu sein.
Praktisches für deinen Besuch
Startpunkt: Der Pfad der Sinne beginnt beim großen Findling am Fischhausweg in Bad Faulenbach. Der Parkplatz an der Alatseestraße ist der ideale Ausgangspunkt.
Anreise mit dem Auto: Über die Autobahn A7 sowie die Bundesstraßen B310, B16 und B17 nach Füssen. Von dort durch die Morisse (Felsenge) nach Bad Faulenbach, der Alatseestraße folgen.
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln: Von Füssen (Bahnhof) sind es etwa 30 Gehminuten ins Faulenbacher Tal. Vom Bahnhof Füssen fahren Züge aus Augsburg, München und Ulm. Die Bushaltestelle Füssen-Morisse (Linie 71) liegt etwas näher am Startpunkt.
Dauer: Kleine Seenrunde: ca. 45 Minuten. Große Seenrunde (mit Alatsee): ca. 2,5 Stunden.
Geeignet für: Familien, Kinder jeden Alters, Wiedereinsteiger, Erholungssuchende, Kunstbegeisterte, Allgäu-Reisende.
Ganzjährig zugänglich: Der Pfad ist das ganze Jahr über begehbar — jede Jahreszeit lässt das Tal und die noch verbliebenen Kunstwerke in einem anderen Licht erscheinen.
Was bleibt — ein Fazit mit Tiefgang
Es gibt Orte, die man besucht. Und es gibt Orte, die man erlebt.
Das Tal der Sinne mit seinem LandArt-Projekt gehört zur zweiten Kategorie. Es verlangt nichts von dir — keine Vorkenntnisse, keine Kondition, keine Kunstkompetenz. Es gibt einfach. Es gibt Stille und Schönheit. Es gibt Überraschung und Staunen. Es gibt den Moment, in dem du vor einer Steinskulptur stehst, die aus dem Bachbett ragt, und nicht weißt, ob sie schon immer da war oder ob sie jemand hingestellt hat — und merkst, dass diese Frage selbst das Schönste ist.
Das LandArt-Projekt der Alanus Hochschule hat dem Tal eine Seele eingehaucht, die sich anfühlt, als wäre sie schon immer da gewesen. Als hätte die Landschaft selbst gewartet, dass jemand ihr Wort nimmt — und es in Stein, Holz, Draht und Erde übersetzt.
Und jetzt bist du dran. Komm ins Tal. Nimm dir Zeit. Und lass dich überraschen.
Das Tal der Sinne liegt in Bad Faulenbach, einem Ortsteil von Füssen im bayerischen Allgäu — direkt neben Neuschwanstein, aber in einer völlig anderen Welt.
